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Sie sind jung und brauchen das Buch: freies Lesen in Lübben

Sie sind jung und brauchen das Buch: freies Lesen in Lübben (Quelle. LR 22.02.219)
 Unter fachkundiger Anleitung von Ilse Schulz (l.) und Doreen Widdershoven bekommen Kinder und Jugendliche aus Lübben und Umgebung die richtige Lektüre in die Hand, um das Interesse am Lesen zu wecken und zu erhalten.
Unter fachkundiger Anleitung von Ilse Schulz (l.) und Doreen Widdershoven bekommen Kinder und Jugendliche aus Lübben und Umgebung die richtige Lektüre in die Hand, um das Interesse am Lesen zu wecken und zu erhalten. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Lübben. Unter-18-Jährige sollen künftig kostenfreien Zugang zur Stadtbibliothek bekommen. Von Ingvil Schirling

Aus Sicht von Wolfram Beck gibt es nur einen einzigen Makel am jüngsten Vorstoß der Fraktion CDU/Grüne bei den Stadtverordneten: „Es wäre schön gewesen, wenn Pro Lübben die Idee selber gehabt hätte“, sagte er schmunzelnd im Hauptausschuss. Die Rede ist von einem Antrag, den Jens Richter als Fraktiosnvorsitzender der CDU/Grünen ausführlich begründete: Junge Leute sollen künftig bis zu ihrem 18. Geburtstag freien Zugang zur Lübbener Stadtbibliothek haben. Kommende Woche soll darüber entschieden werden.

Beobachtet werde, dass viele Kinder zu Besuch in die Bibliothek kommen, um die Vielfalt der Medien kennenzulernen, heißt es in dem Antragspapier. Doch im Verlauf des Heranwachsens gebe es einen „Nutzerknick“, argumentierte Jens Richter im Hauptausschuss.

Das können Ilse Schulz und Doreen Widdershoven von der Lübbener Stadtbibliothek nur voll und ganz bestätigen – und mit Zahlen untermauern. Exakt 516 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren gehören zu den festen Bibliotheksnutzern. Ihnen stehen nur 127 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren gegenüber. Der „Knick“ heißt konkret, dass dreiviertel weniger Jugendliche als Kinder regelmäßig mit Ausweis in die Bibliothek gehen.

Ob das allerdings nur mit den Gebühren in Höhe von ganzen sechs Euro pro Jahr zu tun hat, ist die Frage. „Es liegt schon auch daran, dass sich die Jugendlichen mit anderen Sachen beschäftigen“, sagt Ilse Schulz. „Sie kommen wieder, wenn sie in Ausbildung sind oder eine eigene Familie haben“, ergänzt Doreen Widdershoven.

Dennoch wäre es einen Versuch wert, den Abbruch der Nutzerzahlen über den freien Zugang zur Bibliothek abzumildern. Denn umgekehrt würde die Stadt Lübben im aktuell 30-Millionen-Euro schweren Haushalt 1500 Euro Einnahmen weniger verzeichnen müssen.

Diese Erkenntnis könnte auch zu der weiterführenden Idee von Pro Lübben beitragen, den Antrag der CDU/Grünen-Fraktion möglicherweise zu ergänzen. Dann könnten sogar die Nutzergebühren für alle zur Disposition stehen, deutete Wolfram Beck an. Ausdiskutiert ist das aber noch nicht.

20 Euro zahlen Erwachsene. Auf zehn Euro ermäßigt ist die Gebühr für Arbeitslose. Wer sich an die Bibliothek nicht fest binden will, kann trotzdem Bücher ausleihen – für 50 Cent pro Stück und Monat.

Die Ausleihzahlen sind bei den Heranwachsenden am höchsten: Knapp 25 000 Bücher und Zeitschriften leihen sich Unter-18-Jährige pro Jahr aus. 6000 bis 7000 Tonträger und Filme reichen die Bibliotheksmitarbeiterinnen insgesamt pro Jahr über den Tresen und erhalten sie nach der Leihfrist wieder zurück. Die Mahngebühren liegen übrigens bei 30 bis 50 Cent pro Woche und Medium – und bleiben von den aktuellen Vorstößen, die Nutzergebühren aufzuheben, völlig unberührt.

Der große Erfolg bei den Kinderbüchern ist unterdessen auch auf die Leserucksäcke zurückzuführen. Für ganze Klassen füllen die Bibliothekarinnen Rucksäcke mit ansprechendem Lesestoff, der über die Lehrer verteilt und begleitet wird. Die Lübbener Schulklassen kommen gerne mit, von der Grundschule Gröditsch sorgt ein Lehrer für den Transport, berichten die Mitarbeiterinnen.

Ein entscheidender Hinweis zum Heranführen an das Lesen kommt von Doreen Widdershoven. Die Fachkompetenz der Bibliothekarinnen sichert, dass die Kinder Lesestoff erhalten, der sie wirklich fesselt, Spaß macht und die Zeit wie im Fluge vergehen lässt. Das ist die eigentliche Grundlage, die Lektüre langfristig zum Genuss macht.

Das würde Wolfram Beck sicher freuen. Er hat beobachtet, dass „die Lese-Rechtschreibfähigkeiten nachlassen. Es ist dringend notwendig, etwas dagegen zu unternehmen.“

So wie man später im Leben augenzwinkernd die ein oder andere Jugendsünde mit dem Satz „Ich war jung und brauchte das Geld“ erklärt, könnte es also durchaus ernsthaft heißen: Sie sind jung und brauchen das Buch. Weil Bildung eine bessere Zukunft verspricht.

 
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